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Forum: Die Gesellschaft
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Neues Thema
mehr-demokratie-wagen.de Forum Index >> Die Gesellschaft >> Zensur - und was der CCC davon hält

Thread-View:
1. huflaikhan, 30.04, 10:51 (Start)  *
  2. Kunstguerilla, 01.05, 13:19 (1)  *
    3. revolutionsound, 02.05, 12:10 (2) 
      4. Kunstguerilla, 02.05, 13:22 (3) 
        5. revolutionsound, 02.05, 20:54 (4) 
          6. Kunstguerilla, 03.05, 06:17 (5) 

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Angezeigtes Thema: 'Zensur - und was der CCC davon hält'
Beitrag Nummer 1 plus eine Antwort

Legende:  - Infos zur Person  - E-Mail  - Homepage öffnen  - Editieren  - Antworten  - Antw. ohne Zitat
Von: huflaikhan (Rang: Regular)   Beiträge: 111
Mitglied seit: 09.02.2002
Geschrieben am: 30.04.2002 um 10:51 (1435 mal angezeigt)   (Aktuell gewählter Beitrag)
Hallo zusammen,

aus der Infoliste q/depesche gebe ich eine Info hier rein, die mir ganz interessant scheint und zahlreiche Aspekte des Zensur-Problems zur Sprache bringt.

"Es ist sinnlos, die Freiheit dadurch zu schützen zu wollen, dass man sie abschafft."

!!! Zitat Beginn !!!
############################
Chaos Computer Club, 06.04.2002

Protest gegen Netzzensur zog viele Internet-Nutzer nach Düsseldorf -
Bezirksregierung in Düsseldorf bekommt die rote Netzwerkkarte überreicht

Zum ersten mal in ihrer Geschichte riefen der Chaos Computer Club und die
Online-Demonstrations-Initiative ODEM zu einer Straßen-Demonstration auf.
Unter dem Motto "Wegfiltern ist Wegschauen" demonstrierten Sie gegen den
Versuch der Bezirksregierung Düsseldorf, den Internet-Nutzern in Nordrhein-
Westfalen nur noch einen eingeschränkten Netzzugang zu ermöglichen.

Für das Recht, sich ungefiltert mit gesellschaftlichen Realitäten
auseinandersetzen zu können verließen die Computernerds die Netze und
gingen auf die Straße. Unterstützt wurden sie dabei von Publizisten,
Politikern und Bürgerrechtsorganisationen, die vor einer Internetzensur
einhellig warnten.

Am Samstag um 14:00 Uhr sammelte sich der Demonstrationszug in der
Düsseldorfer Innenstadt. Die Teilnehmer waren aus dem ganzen
Bundesgebiet angereist. Nach dem Start schlängelte sich der
Demonstrationszug durch die Düsseldorfer Innenstadt, und schließlich am
Rhein entlang zur Bezirksregierung

Auf großen Transparenten und Plakaten mit Schlagworten wie "Zensur, in
China, Irak und NRW", "Zensur ist kein Konzept" machten die Teilnehmer
ihren Ärger über die Zensurversuche des Regierungspräsidenten Büssow Luft.

Ursächlich sind Sperrungen von im Ausland gelagerten Websiten, dessen
Inhalte Anlass zu breiten gesellschaftlichen Debatten über Fremdenhass und
rechtsradikale Strömungen in Deutschland sein sollten. Mit dem primitiven
Versuch, derartige Inhalte für Internetbenutzer unsichtbar zu machen wird
allerdings die gesellschaftliche Realität eher geleugnet.

"Die Herstellung eines Klimas von kultureller Akzeptanz und die
Auseinandersetzung auch mit extreme Strömungen im Rahmen eines
gesellschaftlichen Disputs sehen wir durch eine staatliche Filterung der
Netzkommunikation gefährdet" erklärte CCC Sprecher Andy Müller-Maguhn
die Motivation der Veranstalter.

Auf einem Demonstrationswagen bauten sich Computerfreaks vor ihren
mitgebrachten Computern mit verklebten Mündern und Händen auf, um
aufzuzeigen, dass nicht nur das Recht auf Informationsverbreitung, sondern
auch das Recht auf Informationsbeschaffung unterbunden würde.

Die Organisatoren der Demonstration zeigten sich erfreut über den Erfolg der
Aktion. "Wenn wir es schaffen, etwa 235 Computerfreaks vom Bildschirm
weg auf die Straße zu locken, ist das Ausdruck eines ernsten Anliegens"
erklärte Ingo Schwitters vom CCC Köln am Rande der Demonstration.

Micky Maus statt Unterschriftenliste

Dem durch das große Medienecho der Demonstration überraschten und
kurzfristig angereisten stellvertretende Regierungspräsident der
Bezirksregierung Düsseldorf Herr Riesenbeck wurde von den Demonstranten
die "rote Netzwerkkarte" als Mahnung der Zensurgegner überreicht.

Zu einer Überraschung kam es, als der Vertreter der Bezirksregierung eine
Unterschriftenliste gegen die Filterpläne entgegennehmen wollte. Im
Augenblick der Übergabe des beeindruckenden Papierstapel, der über 6500
Unterschriften enthält, löste sich plötzlich ein als Ordner verkleideter
Demonstrant aus der Menge, und nahm dem völlig verdutzen Herrn Büssow
den Karton mit den Unterschriften wieder aus der Hand.

"Herr Büssow - leider können wir nicht zulassen, dass sie sich mit diesen
Demonstranten näher befassen" sagte der Demonstrant, und verschwand mit
der Unterschriftenliste in der Menge. Als Ersatz reichten die Organisatoren
Herrn Riesenbeck ein paar Ausgaben Micky-Mouse Hefte und
Werbeprospekte. Dies sei, so die Organisatoren, das was überbleibt, wenn
im Netz eine heile Welt vorgespielt wird. Herr Büssow wollte die Mickey-
Mouse Realität allerdings auch nicht entgegennehmen.

Die Unterschriftenaktion gegen Netzzensur
(http://www.odem.org/informationsfreiheit/) wird noch bis zum Sommer
weiterlaufen, und erst dann offiziell übergeben werden.

Die Pressestelle der Bezirksregierung ließ unterdessen verlauten: "Wenn
solche Angebote jederzeit im Internet abgerufen werden können, wird der
Eindruck vermittelt, neonazistische Inhalte seien gesellschaftsfähig."

Zensurgegner Ingo Schwitters kommentierte dies mit dem Einwand, dass
"wenn immer weniger Jugendliche über die Greultaten des dritten Reiches
aufgeklärt sind und gleichzeitig rechte, menschenverachtende Seiten
ausgeblendet werden, nimmt die Gefahr zu, dass arglose Jugendliche um so
empfänglicher für rechte Gewaltgruppen sind."

Die Demonstranten forderten auf Plakaten "Konzepte gegen Rechts statt
Filter" und "Bilden statt Filtern"

"Das eigentliche Problem sind nicht die Internetseiten selbst, sondern die
Menschen, die diese machen und sehen wollen." , stellt André Kasper von
den JungdemokratInnen NRW fest. "Zensur kann gesellschaftliche Probleme
nicht lösen, sondern lediglich verstecken. Der Politik ist es in den letzten
Jahren nicht gelungen erfolgreich gegen Rassismus vorzugehen. Vielmehr
wurde der Rassismus in der Gesellschaft durch Anti-Terror-Gesetze,
Rasterfahndung, usw. vorangetrieben. Durch Zensur versucht die Politik jetzt
sich vor ihrer politischen Verantwortung hierfür zu drücken."

"Es ist naiv zu glauben, dass es den Befürwortern von Internet-Zensur um
Rechtsextremismus geht", so Alvar Freude, Gründer der Internet-Initiative
ODEM.org während seiner Rede auf einer mobilen Bühne "Hier wird versucht,
unter dem Vorwand des Kampfes gegen Nazis ein weitreichendes
Zensursystem zu etablieren." Zu viele Interessengruppen würden auf ein
gefiltertes Internet drängen, und die Bezirksregierung sich als Marionette
missbrauchen lassen. "Wir müssen uns jetzt gegen die Zensur-Versuche
wehren, denn bald ist es zu spät!" So sei in der jetzigen Sperrverfügung
schon die mögliche Sperrung von Suchmaschinen angedeutet worden.

In einer eiligst veröffentlichen Pressemitteilung forderte die Bezirksregierung
andere Provider in Deutschland auf, nicht gegen die Sperrverfügung
vorzugehen "Würden alle Provider in der Bundesrepublik Deutschland die
unzulässigen rechtsextremistischen Angebote sperren, wären diese faktisch
für 70 - 80 Prozent der Nutzer nicht mehr erreichbar."

Andy Mueller Maguhn, ICANN- Direktor und CCC-Sprecher erklärte in seinen
Redebeitrag "In der Wirtschaft gibt es bereits Interessen noch viel
umfassender die Informationsfreiheits des Internets den kommerziellen
Begehrlichkeiten zu opfern und Filterprodukte zu verkaufen. Hinter den
Versuchen der Bezirksregierung in Düsseldorf stehen die wirtschaftlichen
Interessen der in Bonn ansässigen Firma Bocatel. Ähnliche Produkte werden
bereits von der Musikindustrie gefordert. Hier beginnen wirtschaftliche
Interessen, einen Kulturraum zu zerstören."

padeluun, Künstler und Veranstalter des deutschen Big-Brother-Awards,
forderte, dass Politik und Verwaltung endlich nachsitzen, und ihre
Hausaufgaben zur Netzgestaltung machen. "Weg vom Irrweg der
Informationsgesellschaft, hin zu einer Erforschung und Gestaltung der
Kommunikationsgesellschaft. Zensur ist immer falsch. Zensur ist kein
adäquates Handlungsmittel in einer Demokratie. Es ist lediglich eine
symbolische Handlung. Diese symbolische Handlung ist teuer erkauft: Sie
kostet fundamentale demokratische Werte. Es ist sinnlos, die Freiheit
dadurch zu schützen zu wollen, dass man sie abschafft. Ich erwarte von
einer sich als demokratische verstehenden Regierung, dass sie diese
demokratischen Werte anerkennt und verteidigt."

"Das Ziel der Demonstration ist bereits jetzt erreicht.", sagte Lars Weiler vom
Chaos Computer Club Düsseldorf, "Wir hatten eine für uns überraschend
breite Resonanz in der Bevölkerung, und haben die Internetzensur-
Problematik so in die breitere Öffentlichkeit getragen. Wir hatten eine sehr
schöne Demonstration, an dessen Stimmung man sich gerne zurückerinnern
wird"

Bilder und Berichte von der Demo, Demonstrationsaufruf:
http://www.netzzensur.de/

(siehe "Live-Berichterstattung", Bilder sind zur Veröffentlichung freigegeben)

Unterschriftenliste gegen Zensur: http://odem.org/informationsfreiheit/

Hintergründe unter http://www.ccc.de/censorship/

-.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.- -.-. --.-
q/depesche is powered by
http://www.ewave.at

subscribe/unsubscribe
http://www.quintessenz.at/q/depesche/

###################################
!!! Ende des Zitats. !!!

Grüße
Huflaikhan

_________________
Nizza, den 24. November 1887

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Antworten:
Von: Kunstguerilla (Rang: Moderator)   Beiträge: 508
Mitglied seit: 13.01.2002
Geschrieben am: 01.05.2002 um 13:19 (1844 mal angezeigt)   ( 1. Antwort auf aktuellen Beitrag)   Diesen Beitrag als Aktuellen nehmen
Lieber huflaikhan!

Ich danke Dir für Deinen Beitrag und ich schliesse mich den Äußerungen der verschiedenen Warner an. Zensur bringt es nicht, Kommunikation ist das Mittel. Deshalb auch mein Hinweis im anderen Thread auf das NPD-Verbot, das ich für falsch halte. Die Unappetitlichen Sachen in den Untergrund zu verbannen, ist völlig kontraproduktiv. Psychologisch entspräche das einer Verdrängung und die führt zuletzt in Übermassen zu psychischen Schäden.

Am 2002-04-30 10:51 hat huflaikhan geschrieben:

[...]
"Es ist sinnlos, die Freiheit dadurch zu schützen zu wollen, dass man sie abschafft."

So in der Art äußerte sich einstens Benjamin Franklin:

"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren."

Dem muss man nichts hinzufügen.

Grüße, Andreas.


_________________
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